Illustrationen in E-Books und für das iPad auf dem Vormarsch

»E-Books sind auf dem Vormarsch. Welche neuen Möglichkeiten der visuellen Kommunikation bieten diese Medien?« Wir bringen einen Auszug aus dem Gespräch, das Monika Fauler, EC illustria, für die designaustria-Mitteilungen mit Brian Main und Gernot Lauboeck geführt hat.

Brian: Tablets und Mobilgeräte sind mächtige Medien, mit denen wir interaktiven Content durch Animation, Audio und Benutzerinput erzeugen können. Die User können auf neue Art mit dem Content interagieren – durch Touchscreens, Mikrofone, Accelerometer etc. (…)

Welche neuen Fragestellungen entstehen bei der experimentellen Arbeit
mit dem Medium? Ist ein Buch noch ein Buch?

Brian: Momentan sind wir in einer experimentellen Phase, in der wir Genres und pädagogische Konzepte neu definieren. Ein Buch ist sehr limitiert. Wir sollten uns Elemente vom Film und von Spielen holen. Warum muss eine Geschichte unbedingt linear sein? Wir können sie aus mehreren Perspektiven erzählen, den Inhalt für einen individuellen Benutzer maßschneidern. Es geht darum, wie Content erlebbar gemacht werden kann. Das Wichtigste bleibt dabei immer die Geschichte. Aber wie wir sie erzählen, damit können wir spielerisch umgehen.

Du hast ein Kinderbuch gestaltet. Bieten E-Books für Kinder etwa durch Teilanimationen einen besonders interessanten und spielerischen Zugang?
Brian: Für mich ist Input das Wichtigste. Kinder wollen keine passiven Konsumenten von Content sein. Sie wollen kreativ sein und mitmachen. Wir müssen diese Geräte als Tools zum Lernen sehen, die die natürliche Neugier von Kindern wecken. Ein Kind liest ein Buch und fragt nach mehr, es möchte tiefer in die Materie eintauchen. (…) Für Illustratorinnen und Illustratoren bedeutet das, dass wir uns von den klassischen, flachen Bildern wegbewegen müssen. Die große Herausforderung für uns ist, konzeptuell innovativ zu sein. Wir müssen die Benutzerinnen und Benutzer durch ein Erlebnis begleiten. Wir müssen uns fragen, wie sie mit der Geschichte interagieren können. (…)

Vor allem Fachbücher in digitaler Form sind sehr beliebt. Welche Möglichkeiten öffnen sich dadurch im Bereich der wissenschaftlichen Illustration?
Gernot: Der Faktor Zeit kommt ins Spiel. Bewegte Illustrationen können komplexe Abläufe sehr gut darstellen – verlangsamt oder beschleunigt. Sie können jederzeit angehalten werden, damit Zeit für Erklärungen ist oder man genauer hinsehen kann. Im Zeitablauf kann die Illustration (durch Hervorhebung oder Vereinfachung) Prozesse vermitteln, die mit Sprache nur sehr kompliziert beschrieben werden können. E-Books nehmen den Schulkindern schwere Schultaschen ab.

Welche didaktischen visuellen Möglichkeiten eröffnen sich durch elektronisch-interaktive Pädagogik?
Gernot: Die Wissenschaft – vor allem Neurologie und Psychologie – kommt dem Vorgang des Lernens immer mehr auf die Spur und entwickeln neue Lehransätze. So geht die moderne Pädagogik besonders auf die verschiedenen Lerntypen ein und berücksichtigt Lernzeiten, Gehirnhälften, Alter etc. (…) Die interaktive Illustration wird dies alles noch erweitern. Sie bietet den Lernenden die Möglichkeit, sich selbst einzubringen und eine Reaktion in Echtzeit zu erfahren. So kann eine Illustration sprechend oder musikalisch antworten, durch spielerisches Wiederholen und Variieren Lerninhalte festigen oder direkt auf die Fantasie reagieren. Die Schüler werden am Computer anhand von Illustrationen selbständige Versuche durchführen oder längst verstorbene Persönlichkeiten interviewen können.

Könnte man sagen, dass sich auch die Schulbuchillustration dadurch im Umbruch befindet?
Gernot: Natürlich. Allein dass Schulbücher überhaupt illustriert werden, ist ein Umbruch in der Schulpädagogik. Viele Schulbücher sind heute mit interaktiven CDs/DVDs ausgestattet. Schüler können sich auf den Webseiten der Verlage einloggen und zusätzliches Material abfragen. Allerdings führt der verstärkte Einsatz von elektronischen Medien dazu, dass immer weniger gelesen wird. Lesen und Schreiben erfordern viel Übung, wofür heute kaum mehr Zeit bleibt. Schon bisherige Arbeitsbücher mit Einsetzaufgaben oder Ankreuzmöglichkeiten haben sich auf die Fähigkeit des eigenständigen Formulierens ausgewirkt. (…)

Brian Main (www.brianmain.com) arbeitet als Illustrator und Mediendesigner in Wien und ist bei illustria Ansprechpartner für Animation und Game Illustration.
Gernot Lauboeck (www.lauboeckdesign.at) arbeitet als Illustrator und Grafikdesigner in Wien und ist bei illustria Ansprechpartner für Schulbuchillustration.

Das ungekürzte Interview gibt es in den aktuellen Mitteilungen von designaustria nachzulesen (Schwerpunkt: EC illustria – Illustration in Österreich).

Gernot Lauboeck mit »Ratzo«

Brian Main: »Lil’ Red«